Ernährungsaktionen als Gelingfaktor zur Bildung für nachhaltige Entwicklung

Junge bei der Gartenarbeit

Mit der im Jahr 2015 verabschiedeten Agenda 2030 hat sich die Weltgemeinschaft unter dem Dach der Vereinten Nationen auf 17 Ziele zur nachhaltigen Entwicklung verständigt. Leitbild dabei ist, die natürlichen Ressourcen zu bewahren und jedem Menschen zu einer guten Lebensgrundlage zu verhelfen. Dies beinhaltet die Chance eines jeden auf hochwertige und gerechte Bildung – mit der Möglichkeit des lebenslangen Lernens.

Der Elementarbereich ist der erste Ort für Bildung außerhalb des eigenen Familiensystems: Kindertageseinrichtungen legen neben der Familie den Grundstein für die individuelle Entwicklung bzw. die lebensbegleitende Bildungslaufbahn der Kinder. Im Sinne von nachhaltiger Entwicklung gilt es, die Eigenverantwortung zu stärken und zu zukunftsfähigem Denken und Handeln anzuregen, damit Kinder eine wertschätzende Haltung entwickeln können. Die hauseigene Konzeption bildet den Rahmen dazu.

Neben den Essenszeiten bietet sich der Gruppenalltag als idealer Lernort zur Ernährungsbildung an. Mittels altersentsprechender Entwicklungsimpulse lassen sich Kinder für das Thema „Lebensmittel wertschätzen“ sensibilisieren. Durch Beteiligung und den Dialog werden Kinder angeregt, ihre eigenen Werte und Orientierungen zu entwickeln, was sie zu mündigen Verbrauchern von morgen werden lässt.

Wir haben uns gefragt, welche Themen sich eignen, um Kindern eine Auseinandersetzung mit wertschätzender und gesundheitsfördernder Ernährung zu ermöglichen, und stellen Ihnen hier ein breites Spektrum an Handlungsmöglichkeiten vor:

1. Lebensmittel erleben

​​​​​​Eine Exkursion kann der Auftakt für weitere Ernährungsbildungsaktionen mit Kindern sein – etwa wenn die Einkäufe auf einem Wochenmarkt ins gemeinsame Kochen münden. In vielen Kindertageseinrichtungen kochen und probieren Kinder gemeinsam mit pädagogischen Fachkräften und den Küchenmitarbeitenden, zum Teil unter Beteiligung von Eltern, regelmäßig kleine Gerichte. Ganz nebenbei bauen Kinder dabei ihre küchentechnischen Fähigkeiten und Fertigkeiten aus.

Werden im näheren Umfeld Äpfel geerntet, Holunderblüten gepflückt oder Nüsse gesammelt, kann sich eine „Natur-Küche“ anschließen und aus selbst Gesammeltem etwas Leckeres entstehen. Fußgänger-Rallye, „Schnitzeljagd“ oder Ernährungs-Olympiade sind weitere Beispiele, entsprechendes Wissen kindgerecht zu vermitteln.

Bauernhöfe sind besondere Lernorte, wenn es darum geht, die Erzeugung von Lebensmitteln spielerisch näherzubringen und durch Einbindung der Kinder – beispielsweise beim Auflesen von Kartoffeln – die Wertschätzung für die Güter der Natur zu fördern. Gleiches gilt für den Besuch einer Imkerei oder Obstplantage. Ausgebildete Streuobstwiesen-Pädagoginnen und -Pädagogen bringen Kindern das Bewusstsein für das Ökosystem näher.

2. Gemeinsam gärtnern im "Grünen Gruppenraum"

Das Gelände der Einrichtung kann ideal als „Grüner Gruppenraum“ fungieren, wenn ein kleiner Kinder-Acker, ein Hochbeet oder eine Kräuterspirale angelegt werden. Eine Parzelle bzw. Rabatte ermöglicht Kindern, mit allen Sinnen nachzuvollziehen und zu begreifen, woher ihre Nahrungsmittel kommen und einen Bezug zu ihnen herzustellen. Dazu können sie graben und buddeln, säen, gießen, hautnah das Wachsen beobachten und schließlich ernten und verarbeiten. Sie lernen dabei regionales Gemüse und Obst wie beispielsweise Mairübchen, Spitzkohl, Tomaten, Himbeeren oder Birnen kennen. Auf einer Jahreszeitenuhr oder entsprechendem Saisonkalender kann parallel abgelesen werden, welche Sorten wann Haupterntezeit haben.

Zum Gärtnern mit Kids sind Beerensträucher oder platzsparendes Spalierobst ebenso geeignet wie Kräuter, Gewürze und viele Gemüsearten (Radieschen, Karotten, Pflücksalat, Kapuzinerkresse usw.).

Wem die Möglichkeit zum Anlegen solcher Sinnes- bzw. Naturräume vor Ort fehlt, kann vielleicht an Vorhandenes anzuknüpfen, z. B. durch Kooperation mit einem benachbarten Schrebergartenverein. Zum Teil ist dort sogar das Pachten von Flächen nebst externer Begleitung möglich.

3. Lebensmittelvielfalt erforschen

Ganz gleich, ob Sie auf altbewährte Geschmacks-KIMs setzen, einen Sinnesparcours aufbauen oder mit Kindern Lebensmittel erforschen – die Vielfalt von Lebensmitteln lässt sich vielschichtig erkunden!

  • Eine Möglichkeit bietet sich bei jeder Mahlzeit, indem gemeinsam auf Sinnesreise gegangen wird: Wie klingt eine frische Salatgurke beim Reinbeißen? Wie riecht ein selbst gebackenes Brot und wie fühlt es sich in der Hand an? Kann man die verschiedenen Farben von Äpfeln schmecken? Ganz nebenbei werden Kinder dadurch dazu angeregt, ihren Erfahrungsschatz zur Frische- und Genusstauglichkeitsbeurteilung von Lebensmitteln auszubauen und wichtige Kompetenzen für den Alltag zu entwickeln.
  • Ess-Periment „Buttern“: Aus gekühlter Schlagsahne lässt sich leicht Butter herstellen, etwa wenn 50100 ml flüssiger Rahm in einem Glas mit Schraubverschluss kräftig geschüttelt werden. Nach einigen Minuten ist die Sahne erst steif, dann flockig; gleichzeitig setzt sich trübe Flüssigkeit (Buttermilch) ab. Sie wird abgegossen und das Glas weiter geschüttelt, bis sich darin eine streichfähige, feste Masse bildet – die Butter. Pur oder mit frischen gehackten Kräutern verfeinert bereichert sie jedes Frühstücksbüffet.
  • Haltbarmachen hautnah: Wenn Körbe voller Erdbeeren im Juni-Juli oder Herbstgemüse den Markt oder elterlichen Garten überschütten, kann man Kinder gut an nachhaltiges Denken und Handeln heranführen, indem man sie bei der Verwertung von saisonalem Erntegut einbezieht: Tiefgefrieren von frischen Kräutern, (Ein-)Kochen eines Kürbis- oder Pflaumenkompotts, Erdbeeraufstrich etc. Die Natur schmeckt bunt! Einen Vorgeschmack bieten die „Rezepte rund ums Jahr“.

4. Artenreichtum erleben

Naturbeobachtungen sind auf kleinstem Raum möglich und bieten sich in jeder Jahreszeit an: „Was wächst denn da?“ kann dabei zur Leitfrage in Frühling, Sommer, Herbst und Winter werden. Wenn Kräuter im Blumenkasten auf der Fensterbank gesät, gekeimte Kartoffeln in einen Maurerkübel gepflanzt oder vorgezogene Kürbis- und Zucchinipflänzchen auf dem kitaeigenen Kompost gesetzt, können Kinder hautnah miterleben, wie aus Samen Pflanzen und letztlich verzehrfähige Lebensmittel entstehen.

Zum Anbauerfolg gehören Insekten, beispielsweise zum Bestäuben von Obstbäumen. Als Lebensgrundlage sind blühende Wiesenecken hilfreich, die nicht nur ungenutzte Flächen verschönern, sondern Bienen, Schmetterlingen & Co. Futter bieten. Zum Begrünen der Umgebung oder zum Mitnehmen für Zuhause eignet sich die Herstellung von Samen-Kugeln mit den Kindern. Sie entstehen aus Ton und Erde, in die Samen eingebettet werden. Für 10 Kugeln sind 10 EL Erde, 5 EL Lehm- oder Tonpulver, 3 TL Samen und circa 80 ml Wasser nötig.

Und so wird’s gemacht: Erde, Lehm- bzw. Tonpulver und Samen in einer Schüssel vermischen, Wasser zugeben und gut durchrühren, bis ein geschmeidiger Teig entsteht. Daraus 10 gleich große Kugeln formen und an der Luft trocknen lassen.

5. Schnippel-Party

Gemeinsam in der Kitagruppe oder der Kindertagespflege zu kochen ist ein Erlebnis – idealerweise mit dem, was (selbst) angebaut und geerntet wurde!

Egal, ob Gemüse oder Obst krumm, schief oder knubbelig ist, egal, ob Lebensmittel gekocht oder nur kalt angerührt werden: Eine Schnippel-Party zu veranstalten, bei der alle für die Zubereitung einer Suppe, Ratatouille oder ähnlichem waschen, putzen schneiden und mitkochen können, kommt bei Kindern immer gut an. Dabei werden Ernährungskompetenzen gestärkt und grundlegende Fähigkeiten vermittelt. Nebenbei können sich die Kinder zur Herkunft des Essens austauschen und der Frage nachgehen: Wo kommen unsere Lebensmittel eigentlich her?

Besonders kreativ wird’s, wenn etwas aus vermeidbaren, aber hygienisch einwandfreien Resten zubereitet wird. Beispielsweise eine Eier-Käse-Creme aus hartgekochten Eiern, dazu Reis-Gemüsebratlinge aus übergebliebenem Vollkornreis!?

6. Welt-Büffet

Immer mehr Kinder mit unterschiedlichen kulturellen und religiösen Hintergründen nehmen ihre Mahlzeiten in der Kita ein. Dies ist eine große Chance, von klein auf Vielfalt, Toleranz und Akzeptanz zu erfahren. Eine geeignete Möglichkeit, hierbei alle am Esstisch zu verbinden, ist, das Speisenangebot in Tageseinrichtungen für Kinder bunt und interkulturell zu gestalten.

So lernen die kleinen Tischgäste zum einen die vielschichtigen Esskulturen mit all ihren Geschmäcken kennen; zum anderen haben Gerichte aus der eigenen Herkunftsregion hohen Wiedererkennungswert und können den Kindern Halt geben.

Die Welt zu Gast auf dem Kinderteller: Um auf die Besonderheiten von verschiedenen Kulturen zurückzugreifen und sich durch die Vielfalt von Lebensmitteln zu probieren, bietet sich beispielsweise ein interkulturelles Büffet mit Rezepturen aus aller Herren Länder an, das wir exemplarisch als Menükarte zusammengestellt haben.

Ein bebilderter oder dreidimensionaler Speiseplan mit den unzubereiteten Komponenten eines Gerichts kann die Kinder unterstützen, sich bereits vor dem Essen neuen und unbekannten Lebensmitteln anzunähern und zu erkunden, woraus die Mahlzeit hergestellt wird.

Auch lassen sich bei dem Thema „Essen rund um die Welt“ gemeinsam mit den Kindern bestimmte Essgewohnheiten hinterfragen: Wie wachsen Gemüse und Obst? Und wo kommen einzelne Sorten her? Zum Thema „jahreszeitlich wechselnde Lebensmittel und Gerichte“ schauen Sie bei unseren Rezepten rund ums Jahr vorbei.

7. Lernraum „Restemessung“

Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, das Thema Lebensmittelverschwendung im Gruppenalltag aufzugreifen. Eine davon ist, sich bewusst vor Augen zu führen, was und wieviel zum Teil vom Essen überbleibt. Dazu kann das gemeinsame Wiegen und Messen von Lebensmittelresten nach der Mahlzeiteneinnahme am Tisch angeregt werden. In diesem Zusammenhang lässt sich mit Kindern gut über das Thema „Konsum“ (weiter) diskutieren.

In aller Munde ist aktuell auch das Thema „Reste-Gärtnern“. Dazu werden Überbleibsel von Gemüse zum Nachwachsen gebracht. Es ist mit Sicherheit ein spannendes Projekt, mit den Kindern zu beobachten, was sich so alles ziehen lässt bzw. welches ungeahnte Potenzial beispielsweise in Ingwerstücken, Lauchenden oder Salatstrünken stecken kann: Schon auf kleinstem Raum – einem Hochbeet, Blumentopf oder im ausgedienten Maurerkübel – können pflanzliche „Küchen-Reste“ aufgezogen werden. Viel Vergnügen beim (Pflanzen-)Recyceln!