7 Fragen zu Ernährungsmythen

Kinder sitzen in der Kita gemeinsam am Tisch.

Da auch das Thema Kinderernährung von Ernährungsmythen nicht unberührt bleibt, haben wir persönlich mit Lars Libuda, Professor am Institut für Ernährung, Konsum und Gesundheit | Fachbereich Ernährungswissenschaften an der Universität Paderborn über deren Ursachen und Folgen gesprochen.

1. Herr Libuda, mit welchen Ernährungsmythen aus Ihrer eigenen Kindheit, die sich immer noch halten, möchten Sie gerne aufräumen?

Ich bin noch mit dem Mythos aufgewachsen, dass man zum Essen nichts trinken soll. Als junger Vater sehe ich, dass so ein Prozess des Essens mit Kindern durchaus auch mal länger dauern kann. Vermutlich ist das der Hintergrund gewesen: dass sich die Kinder aufs Essen konzentrieren sollten.

Damit über den gesamten Tag eine konstante Flüssigkeitszufuhr gegeben ist, empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung bei Erwachsenen in ihrer Borschüre „Wasser trinken – fit bleiben“ sogar das Trinken zu den Mahlzeiten. Angesichts der Tatsache, dass man zum Beispiel in der EsKiMo II-Studie [Anmerkung der Redaktion: Ernährungsstudie als Modul innerhalb der Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KiGGS)] beobachtet hat, dass nur ein Teil der Kinder die Empfehlungen zur Getränkezufuhr erreichen, zwischen 30 und 40 Prozent aber eben nicht, würde ich sagen, dass der Satz aus meiner Kindheit inzwischen obsolet ist und so nicht mehr angewendet beziehungsweise weitergegeben werden sollte. 

Die Redewendung „Iss den Teller leer, dann gibt es morgen gutes Wetter“ ist auch so ein Irrtum: Es handelt sich hierbei um eine falsche Übersetzung aus dem Plattdeutschen und sollte eigentlich nur zusammenfassen, dass es, wenn alles inklusive der Reste aufgegessen ist, dann am nächsten Tag etwas neues, frisch Gekochtes geben wird. Und so hat sich fälschlicherweise etabliert, dass man den Teller aufessen soll.

Ich bin eher dafür, dass sich ein Kind am eigenen Hunger-Sättigungsgefühl orientiert und dann so lange isst, bis es satt ist. Gerade auch vor dem Hintergrund der Übergewichts- und Adipositasproblematik, die wir nicht nur in Deutschland, sondern weltweit beobachten, führt der Ratschlag, dass Kinder alles aufessen sollen, vielleicht zu Ernährungsroutinen, die langfristig die Gesundheit negativ beeinträchtigen.

2. Was ist Wahres dran an Mythen rund um die Zubereitung von Lebensmitteln, wie zum Beispiel, dass Spinat und Pilze nicht wieder aufgewärmt werden sollen?

Das ist im Grunde genommen schon ein relativ alter Mythos, an dem ursprünglich etwas Wahres dran war: In Zeiten, als wir noch nicht alle einen Kühlschrank zur Verfügung hatten und Speisen ungekühlt aufbewahrt wurden, waren diese ein Nährboden für bakterielles Wachstum. Bei Spinat kann dann aus dem enthaltenen Nitrat, durch die Bakterien in Folge Nitrit entstehen; und Nitrit wiederum kann, wenn es mit Eiweiß zusammen aufgenommen wird, im Magen zu Nitrosamin umgewandelt werden, was krebserregend ist. Aber diese Zeiten sind zum Glück vorbei! 

Wenn wir gekochten Spinat schnell abkühlen lassen und anschließend im Kühlschrank aufbewahren, dann ist es unproblematisch, ihn nochmal zu erhitzen. Genauso verhält es sich mit Pilzen.

Ein weiteres Beispiel ist, Brot nicht warm zu essen – aus dem Mythos heraus, dass dann die Hefe auch im Magen noch aktiv sein und weiter gären könnte. Aber bei einem ordentlichen Backprozess, durch den das Brot am Ende gut durchgebacken ist, überlebt die Hefe nicht. Somit ist auch diese Empfehlung hinfällig. 

3. Was sind die Ursachen für die Entstehung von Ernährungsmythen?

Es gibt hier aus meiner Sicht nicht die eine Ursache, sondern ein Zusammenspiel verschiedener Auslöser. Ganz wesentlich ist, dass uns das Thema Ernährung zwangsläufig alle betrifft: Wir alle ernähren uns, wir alle haben aus der Familie Ernährungsroutinen mitgegeben bekommen und setzen uns mit Normen und Regeln der Gesellschaft auseinander. All das prägt unsere Esskultur. Am Ende etablieren sich auch Routinen, die nicht unbedingt einen wissenschaftlichen Hintergrund haben. 

Wenn dieses Thema dann auch von den Medien aufgegriffen wird und damit Mythen aufgedeckt werden, an die man vielleicht selber glaubte, ist das besonders interessant. Die Medien haben allgemein an dem Thema Ernährung Interesse und nehmen ausgewählte Ergebnisse aus der Forschung auf. Und gerade wenn diese Ergebnisse überraschend sind, wird das teilweise reißerisch, überspitzt oder vereinfacht dargestellt – in einer Schlagzeile, die dann auch wirklich die Aufmerksamkeit der Leserschaft weckt. Ob wissenschaftlich so viel dahintersteckt, wie die Überschrift vermuten lässt, das steht auf einem anderen Blatt. Vielleicht ist auch ein Hintergrund, dass es schön ist, wenn man für komplexe Probleme einfache Lösungen präsentieren kann.

Darüber hinaus liegt es auch daran, dass das Thema Ernährungsmythen und der Umgang damit immer wieder in der Presse aufgegriffen wird. Also nicht nur, dass die Medien selber zu den Mythen beitragen, indem wissenschaftliche Erkenntnisse einseitig dargestellt werden, sondern auch, dass sie auf der anderen Seite über diese Ernährungsmythen berichten und diese aufklären.

4. Was sind die Folgen, dass Ernährungsmythen kursieren?

Wenn man an einem Tag eine Botschaft hört, zum Beispiel die Empfehlung einer Fachgesellschaft, dass weniger Fleisch gegessen werden sollte, und später in den Medien völlig andere Ergebnisse liest, läuft man Gefahr, dass das Vertrauen in und die Glaubwürdigkeit von Fachgesellschaften, vielleicht auch in die Forschung, verloren geht. Dann hört man schnell nicht mehr auf das, was empfohlen wird. Man läuft auch Gefahr, aus den Augen zu verlieren, dass man unter Umständen doch Optimierungsbedarf bei der eigenen Ernährung hat.

Das gilt genauso für die Kita. Wenn es diese unterschiedlichen Meldungen gibt und auf diese Weise eine Verunsicherung geschürt wird, kann es zu Konflikten im Kitateam oder zwischen Eltern und dem Kitapersonal kommen: zum Beispiel, wenn eine Seite sich an Empfehlungen orientiert, eine andere aber durch Mythen genau das Gegenteil möchte.

5. Wie gehen Fachgesellschaften vor, um wissenschaftlich abgesicherte Empfehlungen zu formulieren?

Da haben wir in der Frage schon das richtige Stichwort: Empfehlungen sollen wissenschafts- und evidenzbasiert sein. Fachgesellschaften versuchen, den Entstehungsprozess von Ernährungsempfehlungen möglichst transparent zu gestalten. 

Wenn die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) zum Beispiel neue lebensmittelbezogene Empfehlung veröffentlicht, dann sollen diese evidenzbasiert sein, das heißt man sucht sich nicht nur ein oder zwei Studien heraus, die die eigene Einschätzung stützen, sondern versucht, die Gesamtstudienlage und deren Beweiskraft, das heißt Evidenz, zu bewerten. Man überprüft, ob es ausreichend Studienbelege gibt und in welche Richtung die Ergebnisse dieser Studien insgesamt tendieren. Nur wenn man ausreichend Beweiskraft hat, sollen Empfehlungen ausgesprochen werden. Und das hat die DGE im letzten Jahr bei ihren gerade aktualisierten Empfehlungen für gesunde Erwachsene gemacht: Sie hat ein mathematisches Modell genutzt und ganz transparent dargestellt, welche Aspekte berücksichtigt wurden und auf welcher Grundlage das ganze beruht. So sollte es optimalerweise sein. 

6. Wie lassen sich Falschinformationen entlarven, insbesondere mit Blick auf soziale Medien und Künstliche Intelligenz?

Das ist, ehrlich gesagt, gar nicht so trivial. Man müsste die Studie oder die Studien prüfen, die diesbezüglich zitiert werden. Als Einzelner tatsächlich eine Bewertung der Gesamtstudienlage vorzunehmen, ist nicht möglich. Dazu weist nicht jede Person die fachliche Expertise und auch nicht die Kapazitäten auf. 

Hellhörig werden sollte man, wenn für komplexe Probleme einfache Lösungen präsentiert werden und wenn fantastische Effekte angeführt werden. Realistische Effekte einzelner Lebensmittel oder Nährstoffe sind üblicherweise meistens klein und eher über Jahre zu erzielen.

Wenn kurzfristige Lösungen präsentiert werden, dann sollte man ebenfalls hellhörig werden. Und besonders skeptisch werden sollte man, wenn zu diesen kurzfristigen und einfachen Lösungen auch noch direkt ein Produkt angeboten wird – also im Grunde genommen Werbung geschaltet ist. Es sollte ja eigentlich so sein, dass Werbung auch als solche gekennzeichnet wird. Wenn es bei einem Posting in den Sozialen Medien einen kleinen Hinweis gibt, dass der Beitrag gesponsert ist, dann sollte man skeptisch werden und ihn als Werbung verstehen, die dazu dient, den Verkauf von Produkten anzukurbeln. Im Zweifel ist nochmal bei den Fachgesellschaften nachzuprüfen, wie diese die Aussagen zu einzelnen Produktgruppen bewerten.

7. Wo erhalten Fachkräfte aus Kitas seriöse, praxisrelevante Informationen?

Wir haben in Deutschland zum Glück viele seriöse Fachgesellschaften, auf die man sich wirklich verlassen kann: Wir haben die Deutsche Gesellschaft für Ernährung, das Bundeszentrum für Ernährung. Wenn es um Lebensmittelsicherheit geht, haben wir das Bundesinstitut für Risikobewertung in Berlin. Beim Thema Kinderernährung haben wir das Netzwerk Gesund ins Leben und auch Fachinstitutionen wie das Institut für Kinderernährung am Max Rubner-Institut. Wir haben die Verbraucherzentralen. In Niedersachsen gibt es auch noch das Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit. Bei der Kitaverpflegung denke ich an das Bundeszentrum Kita- und Schulverpflegung und die verschiedenen Vernetzungsstellen Kita- und Schulverpflegung in den Ländern.