7 Fragen rund um das Programm „Bewegter Kindergarten“

Bälle auf einer Bank in einer Sporthalle

Der Nationale Aktionsplan „In Form“ weist in seinem Titel „Deutschlands Initiative für gesunde Ernährung und Bewegung“ auf die beiden wesentlichen Faktoren hin, um Fehlernährung, Bewegungsmangel, Übergewicht und damit einhergehenden Krankheiten vorzubeugen. Grund genug für die Kitavernetzungsstelle sich dem Thema Bewegung zu widmen und bei Experten nachzufragen, warum es ein essenzieller Bestandteil für die physiologische Entwicklung von Kindern ist und in der Kindertagesbetreuung nicht zu kurz kommen sollte.

Wie es in der Realität aussieht, welche Tipps und Unterstützungsangebote es für Kitas in Niedersachsen gibt, mehr Bewegung in den Tagesablauf zu integrieren, das berichten uns Olaf Jähner, Geschäftsführer Vereinsentwicklung und Turnjugend, Niedersächsischer Turner-Bund e. V. (NTB) und Karsten Träger, Teamleiter Kita, Schule, Verein und Projekte im LandesSportBund Niedersachsen (LSB).

1. Zum Einstieg zunächst die Frage, warum ist Bewegung für eine gesunde Entwicklung von (Klein-)Kindern so wichtig?

Olaf Jähner: Bewegung ist ein zentraler Baustein für die gesunde Entwicklung von Kindern – körperlich, geistig, emotional und sozial. Sie hilft Kindern, ein Gefühl für ihren Körper zu entwickeln, Selbstvertrauen aufzubauen und mit anderen in Kontakt zu treten. Bewegung ist Ausdruck von Neugier, Lebensfreude und ein natürlicher Weg, die Welt zu entdecken. Kinder lernen durch Bewegung – sei es beim Klettern, Balancieren, Rennen oder gemeinsamen Spielen.

Regelmäßige Bewegung verbessert nachweislich das Lernverhalten, die Konzentrationsfähigkeit und das Arbeitsgedächtnis – zentrale Voraussetzungen für sprachliche Bildung, mathematisches Verständnis und soziale Kompetenzen. Darüber hinaus fördert Bewegung die Motorik, kräftigt Muskeln und Knochen, unterstützt die Gehirnentwicklung und stärkt das Herz-Kreislauf-System.

Frühzeitige Bewegungserfahrungen, die mit positiven (Körper-)Gefühlen verknüpft sind, wirken präventiv gegen Übergewicht, Haltungsschäden und psychische Belastungen. Sie legen damit den Grundstein für ein gesundes Bewegungsverhalten bis ins Erwachsenenalter.

2. Gibt es Empfehlungen, wie viel (tägliche) Bewegung ein Kind braucht?

Karsten Täger: Ja, es gibt klare Empfehlungen zur täglichen Bewegung von Kindern – und diese werden leider oft nicht erreicht. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) rät für Kinder im Vorschulalter (1–5 Jahre) mindestens 180 Minuten Bewegung über den Tag verteilt, wobei mindestens 60 Minuten moderat bis intensiv sein sollten – also zum Beispiel Rennen, Hüpfen, Klettern oder aktives Spielen. Auch das Robert Koch-Institut (RKI) und viele nationale Fachgesellschaften unterstützen diese Richtwerte.

Studien zeigen jedoch, dass sich Kinder in Deutschland deutlich weniger bewegen. Laut dem RKI-Themenblatt von 2020 erhalten 4- bis 5-jährige Kinder in Kitas durchschnittlich nur 74 Minuten angeleitete Bewegungszeit pro Woche – das sind etwa 15 Minuten pro Tag und damit deutlich unter der Empfehlung von mindestens einer Stunde pro Tag. Das zeigt: Es besteht ein struktureller Nachholbedarf.

Die Gründe für zu wenig Bewegung sind vielschichtig: Es fehlt oft an Zeit, Raum, Konzept – aber auch an Haltung. Bewegung muss als Grundbedürfnis und Bildungsauftrag in der Kindertagesbetreuung verstanden werden, nicht als „Extra“, das bei gutem Wetter auf dem Außengelände stattfindet.

3. Was verbirgt sich hinter dem Programm „Bewegter Kindergarten“?

Olaf Jähner: Der „Bewegte Kindergarten“ ist ein niedersachsenweites Programm zur strukturellen Verankerung von Bewegung in der frühkindlichen Bildung. Es wurde 2005 vom Niedersächsischen Kultusministerium gemeinsam mit dem LandesSportBund Niedersachsen (LSB), dem Niedersächsischen Turner-Bund e. V. (NTB) und weiteren Partnern ins Leben gerufen. Ziel ist es, Kindern in Kitas mehr und vielfältigere Bewegungsmöglichkeiten zu eröffnen – dauerhaft, qualitätsgesichert und alltagsnah.

Kern des Programms „Bewegter Kindergarten“ sind drei Module, die auf unterschiedliche Bedarfe und Voraussetzungen in Kitas zugeschnitten sind:

  1. Aktionsprogramm Kita + Sportverein:
    Fördert Kooperationen zwischen Kitas und lokalen Sportvereinen. Ziel ist ein lebendiger Austausch und regelmäßige Bewegungsangebote durch Übungsleitungen in der Kita oder im Verein.
  2. Markenzeichen BewegungsKita (MZBK):
    Ein Zertifizierungsprogramm für Kitas, die Bewegung als zentralen Bestandteil ihrer Einrichtungskultur leben. Der Weg zur Auszeichnung wird durch qualifizierte Beraterinnen und Berater begleitet. Es erfolgt eine kontinuierliche Weiterentwicklung und Qualitätssicherung – zum Beispiel durch Fortbildungen, Fachtage und Netzwerktreffen.
  3. Qualifizierungsoffensive:
    Umfasst praxisnahe Fort- und Weiterbildungen zum Themenbereich Bewegung für pädagogische Fachkräfte – vor Ort, extern oder online. Sie stärkt das Fachwissen zur kindgerechten Bewegungsförderung im Alltag. Langfristiges Ziel: Die stärkere Integration von Bewegungserziehung auch in die Grundausbildung von pädagogischen Fachkräften.

Das Programm ist wissenschaftlich fundiert, praxisorientiert und flexibel angelegt, sodass jede Kita – unabhängig von Lage, Größe oder Trägerschaft – ihren individuellen Einstieg finden kann.

4. Wie können Kindertagesstätten mit Sportvereinen kooperieren?

Karsten Täger: Das Modul 1 des Programms Bewegter Kindergarten – das „Aktionsprogramm Kita + Sportverein“ – stärkt die Zusammenarbeit zwischen Kitas und Sportvereinen in Niedersachsen. Ziel ist es, Bewegung durch feste Kooperationen dauerhaft im Kita-Alltag zu verankern.

Eine lizenzierte Übungsleiterin oder ein Übungsleiter aus einem örtlichen Sportverein führt ein- bis zweimal pro Woche eine 60-minütige Bewegungsstunde mit einer festen Kindergruppe in der Kita durch – begleitet vom pädagogischen Personal. Die Kinder müssen dafür nicht Vereinsmitglied sein.

Gefördert wird das Angebot durch die Sportjugend Niedersachsen aus Mitteln des Landes. Die Kita nimmt Kontakt zu einem LSB-anerkannten Sportverein auf, der den Förderantrag stellt. Das Verfahren ist bewusst niedrigschwellig gehalten.

Als ergänzende Aktion kann das Mini-Sportabzeichen mit Hoppel und Bürste durchgeführt werden – ein spielerischer Einstieg in das Thema Bewegung und Sport, der Kinder zusätzlich motiviert. So entsteht eine lebendige Partnerschaft, die Kindern neue Bewegungswelten eröffnet und die Bildungsqualität im frühkindlichen Bereich stärkt.

5. Wie wird eine Kita zu einer BewegungsKita und was sind die Vorteile?

Olaf Jähner: Im Rahmen des niedersächsischen Programms Bewegter Kindergarten können sich Kitas für das „Markenzeichen BewegungsKita“ bewerben – eine offizielle Auszeichnung für Einrichtungen, die Bewegung ganzheitlich und nachhaltig fördern. Das Markenzeichen wird für zwei Jahre verliehen und kann bei Weitererfüllung der Kriterien regelmäßig verlängert werden.

Die Zertifizierung erfolgt auf Grundlage klar definierter Kriterien und nach individueller Beratung. Die Kita erhält Unterstützung bei der Weiterentwicklung ihres Bewegungskonzepts, der Gestaltung bewegungsfreundlicher Räume, der Einbindung des gesamten Teams sowie der Zusammenarbeit mit Eltern und externen Partnern. Ziel ist es, Bewegung nicht punktuell, sondern als gelebte Haltung im Alltag zu integrieren.

Neben den positiven Effekten für die Kinder – etwa für Gesundheit, Motorik, Selbstvertrauen und soziales Miteinander – profitieren auch die pädagogischen Fachkräfte. Sie werden durch praxisnahe Fortbildungen und fachliche Begleitung gestärkt und befähigt, Bewegung sicher, kreativ und alltagsnah umzusetzen.

Mit der Auszeichnung profiliert sich die Einrichtung zudem als qualitätsbewusste, moderne Kita, die sichtbar macht: Hier steht das Kind mit seinen Bedürfnissen im Mittelpunkt. Das Markenzeichen wirkt nach innen, wie nach außen – als Siegel für gelebte Qualität, das auch Eltern Orientierung und Vertrauen bietet.

Auch nach der Auszeichnung bleibt die Kita Teil des Netzwerks: Sie kann an Fortbildungen, Fachtagen und Austauschtreffen teilnehmen und wird weiterhin fachlich begleitet. So wird Bewegungsförderung in der BewegungsKita dauerhaft gesichert.

6 a.) Sind pädagogische Fachkräfte in Kitas entsprechend ausgebildet, um Bewegungseinheiten anzuleiten?

Karsten Täger: Pädagogische Fachkräfte bringen viele Kompetenzen mit, doch Bewegungsförderung ist in ihrer Ausbildung bislang oft nur am Rande Thema. Das Modul 3 – die Qualifizierungsoffensive im Programm Bewegter Kindergarten setzt genau hier an: Es stärkt das Thema Bewegung durch praxisnahe Fort- und Weiterbildungen sowie gezielte Impulse für die grundständige Ausbildung.

Fachkräfte können an vielfältigen Fortbildungsangeboten teilnehmen – vor Ort, online oder im Rahmen von Inhouse-Schulungen. Diese werden von den Partnern des Programms wie beispielsweise dem Gemeinde-Unfallversicherungsverband oder der Niedersächsischen Kinderturnstiftung regelmäßig angeboten.

Langfristig soll Bewegungsförderung verbindlich in die Ausbildungspläne pädagogischer Fachkräfte aufgenommen werden. Der Evaluationsbericht zur Ausbildungsstruktur in Niedersachsen liefert hierfür wichtige Erkenntnisse und zeigt den weiteren Entwicklungsbedarf auf.

6 b.) Was raten Sie Kindertagesstätten/ Kindertagespflegepersonen, die vermehrt Bewegung in ihren Betreuungsalltag integrieren möchten?

Olaf Jähner: Fangt klein an – aber fangt an. Bewegung muss nicht aufwendig oder perfekt geplant sein, um wirksam zu sein. Schon mit kleinen Impulsen lässt sich viel erreichen, und oft braucht es dafür weder besondere Materialien noch zusätzliche Räume.

So können beispielsweise Übergangszeiten im Tagesablauf sinnvoll genutzt werden: Der Weg vom Stuhlkreis zur Garderobe kann zur Bewegungsstrecke werden, wenn die Kinder dabei hüpfen, schleichen oder rückwärts gehen. Auch Bewegung und Sprache lassen sich wunderbar verbinden – mit Reimen, Bewegungsliedern oder Geschichten, die durch Gesten oder Bewegungen begleitet werden. Alltagsmaterialien wie Kissen, Tücher, Seile oder Kartons regen Kinder ganz intuitiv zu kreativen Bewegungsspielen an. Flure, Gruppenräume oder Außengelände können mit kleinen Veränderungen zu Freiräumen für Bewegung werden, zu Orten, die Kinder zum aktiven Entdecken einladen.

Entscheidend ist, Bewegungsanlässe im Alltag zu schaffen. Wichtig ist dabei nicht die perfekte Umsetzung, sondern die Freude an der Bewegung bei den Kindern wie auch bei den Fachkräften zu wecken. Wenn Kinder erleben, dass sie sich ausprobieren dürfen, dass Bewegung Spaß macht und Teil des Alltags ist, entsteht eine gesunde Bewegungskultur ganz von selbst. 

Wer tiefer einsteigen möchte, findet im Programm Bewegter Kindergarten konkrete Unterstützung, praxisnahe Fortbildungen und fachliche Begleitung auf dem Weg zu mehr Bewegung im Alltag.

7. Wo sehen Sie Schnittstellen zwischen Ernährung und Bewegung in der Kindertagesbetreuung?

Olaf Jähner: Zahlreiche Studien zeigen: Zu wenig Bewegung in Kombination mit ungünstigen Ernährungsmustern kann schon im Vorschulalter zu Übergewicht oder Mangelernährung führen – mit langfristigen Folgen für die Gesundheit. Genau hier setzt die frühpädagogische Arbeit an: durch spielerisches Erleben, bewusstes Tun und alltagsintegrierte Bildung.

In der Praxis lassen sich Ernährung und Bewegung unkompliziert verbinden, zum Beispiel durch bewegte Spiele zu Lebensmittelgruppen, bei denen Kinder Obst und Gemüse „erhüpfen“ oder durch einen Parcours transportieren. Auch ein vollwertiges Frühstück nach Bewegungsaktionen oder kleine Projekte wie ein „Markttag“ mit Rollenspielen und gemeinsame Vorbereitungen des Essens bringen Ernährung und Bewegung zusammen – verbunden mit Gesprächen, Sinneseindrücken und viel Bewegungsfreude.

Materialien wie die Spielesammlung „Sprache lernen in Bewegung“ der Sportjugend eignen sich hervorragend, um Ernährung auch sprachlich zu begleiten – etwa durch Reime, Begriffe rund ums Essen oder Farben von Lebensmitteln, die in Bewegung erlebt und benannt werden.

So entsteht ein ganzheitlicher Zugang zu Gesundheit, bei dem Kinder mit allen Sinnen lernen und Freude an Bewegung und bewusstem Essen entwickeln, die sie nachhaltig prägen kann.

Generelles Fazit:

Deshalb ist es so wichtig, dass Bewegung in Kitas nicht nur „stattfindet“, sondern im Alltag verankert ist – als selbstverständlicher Teil des pädagogischen Konzepts. Hier setzt das Programm „Bewegter Kindergarten“ an, besonders mit dem Markenzeichen BewegungsKita, das zeigt: Diese Kita lebt Bewegung – drinnen wie draußen, mit Struktur und aus Überzeugung.